to axion esti

Odysseas Elytis
TO AXION ESTI – GEPRIESEN SEI!


»Sie haben mich oft bedrängt von meiner Jugend an,
aber sie haben mich nicht überwältigt.«

Mit diesen Worten eröffnet der Literatur-Nobelpreisträger Elytis sein großes Werk. Und tatsächlich, man konnte ihm nichts anhaben:
Die Kraft der Poesie trug ihn durch große Widerstände, ließ ihn durch Leid und Mitleid gewachsen, zur Stimme Griechenlands werden.
Doch, wie jedes Werk, wenn es Kunst ist, weist To Axion Esti weit über regionale, religiöse oder zeitgeschichtliche Kategorisierungen
hinaus. Es handelt sich um zeitlose, ewige Themen wie: der irrende, stets suchende Mensch, sein Scheitern, sein sich Aufrichten durch
das Auffinden der Freiheit in ihm selbst. Mittels hymnischer wie prosaischer Sprachkunst vermag Elytis mehr als nur Trost zu spenden.

Eine Synästhesie von Klang, Wort, Licht und Tanz.
Die Darsteller kreieren mit Sprachkunst und Stimme, rituellen Bewegungssequenzen
und musikalischen Interventionen ein modernes Drama.
Ein Mysterienspiel, welches unter die Haut und in die Seele zieht.

Inszenierung / Schauspiel: Maarten Güppertz
Choreographie / Eurythmie: Vera Koppehel
Instrumente / Klang: Tomasz M Fudala ( ab 2018)
Daniela & Georg Ehrenwinkler ( ab 2016)
Fotografie: Stefan Pangritz / Niklas Stahlhammar / Charlotte Fischer
Video: Pascal Gysi ( 2019) / Daniel Dommermuth (Version 2016)

GEDÄCHTNIS WIRD GEGENWART – Artikel von Antal Adam

To Axion Esti, Darmstadt 2.2.2022
Rezension

Ein Mensch / der Mensch ringt und sucht, ahnt und verzweifelt, findet sich zwischen Schlamm und Licht und widerstreitenden Kräften und obsiegt dennoch. In jeder Äußerung Individuum und zugleich Mensch schlechthin, zwischen Schicksal und innerem Ruf, auf minimiertem Bühnenbild in ganze Präsenz gebracht durch Maarten Güppertz. Güppertz erfühlt und erforscht ausgewählte Passagen aus Elytis’ großem Epos, tastet sich sprechend und singend durch die Schritte des Protagonisten, schöpft die Worte aus dem Augenblick sich wandelnder Kräftefelder. — Dazu eine Anderwelt-Begleiterin, verkörpert und getanzt durch Vera Koppehel. Beide stehen auf dem gleichen Boden, beide bewegen sich in der gleichen, untrennbaren Welt, kein Oben oder Unten. Die Welt ist eine und doch unterscheiden sich Mensch und Begleiterin grundlegend, denn beiden scheint ein jeweils völlig unterschiedlicher Wahrnehmungs- und Handlungsrahmen zur Verfügung zu stehen. „Er“, der ringende Mensch, erfährt die Welt sinnlich konkret, widerständig und dicht, aber nicht ohne Ahnung von noch etwas Anderem. Die Begleiterin schafft mit ritueller Gestik, Blickrichtung, Bewegung und Stellung im Raum zugleich Bedeutungsräume, weist auf Sinn und Möglichkeiten und Zusammenhänge, interpretiert und gestaltet mit, nur das direkte Eingreifen liegt außer ihrem Horizont. Das eigentliche Spiel und Mysterium entfaltet sich im „Dazwischen“, in der offenen und manchmal rätselhaften Verbindung beider Erlebensweisen oder Seins-Zustände, deren Nähe, wenngleich sie in seltenen Momenten fast unmittelbar wird, sich im Abstand, im geheimnisvollen Zwischenraum erfüllt.                    Carl Classen / Karlsruhe